Immer der Muschel entlang XXX
- Carlito Thormann
- 13. Feb. 2023
- 4 Min. Lesezeit
02.11.2021
An diesem letzten Lauftag wachte ich grundlos sehr früh auf. Irgendwie schienen alle in der Herberge sehr ungeduldig zu sein. Schon um sieben Uhr hörte man es überall rascheln. Ich wollte nicht untätig in meinem Bett liegen und machte mich ebenfalls ans Packen.
Auf dem Weg selbst fühlte es sich ein wenig nach einem Rennen an. Es waren sehr viele Leute unterwegs, was nicht sehr überraschend war, denn ab Arzuá kamen mehrere Caminos zusammen. Viele junge Spanier und Spanierinnen waren ebenfalls unterwegs. Später erfuhr ich, dass man, wenn man das Pilgerzertifikat in Santiago bekam, einen besseren Lebenslauf präsentieren konnte. Da man für dieses Zertifikat nur 100 Kilometer pilgern musste, machten viele diese kürzere Pilgerreise während ihrer Ferien gemeinsam.
Schnell war ich nicht mehr auf Feldern unterwegs, sondern in Santiago selbst. Es fehlten immer noch zehn Kilometer bis zum wirklichen Ziel: Die Kathedrale. Ich spürte, dass meine letzten Energiereserven angezapft wurden. Diese letzte Zielgerade war nur noch im Autopilotmodus zu bewältigen.
Dann, endlich, der so lang ersehnte Moment: Ich stand vor der Kathedrale. Nach über 800 Kilometern und einen Monat Abenteuer hatte ich mein Ziel erreicht. Genau in dem Moment, an dem ich ankam, hörte es auf zu Regnen. Meine Backen blieben aber nicht lange trocken. Ich konnte nicht anders als abzusitzen und zu weinen. Dieses Gefühl war unbeschreiblich. Es mischten sich Siegesgefühle, Trauer, Erleichterung und tiefe Freude, was mich einfach überwältigte. Der ganze Moment war surreal. Überall um mich herum waren Pilger, die sich in die Arme nahmen, lachten und weinten gleichzeitig. Alles hatte sich gelohnt.
Nach einer Weile konnte ich wieder aufstehen. Diese Welle an Emotionen hatte mich wieder mit Energie gefüllt. Meine Beine fühlten sich an, als hätte ich nie einen Meter hinter mich gebracht, als könnte ich das Ganze gleich nochmal machen.
Ich machte mich auf den Weg zum Pilgerbüro. Schliesslich wollte auch ich das Zertifikat. Ich hatte die Stempel nicht nur zur Dekoration gemacht. Dort angekommen musste ich Schlange stehen und ein online Dokument ausfüllen. Ich musste nicht lange warten und wurde dann ins Gebäude gelassen. Dort schaute man sich meinen Pilgerausweis an und gab mir dann, neben meinem lateinischen Pilgerzertifikat, ein Zertifikat der Anzahl Kilometer die ich bewältigt hatte.
Als ich wieder herauskam, ging ich als erstes in einen Souvenirshop und kaufte mir dort einen Pulli und geriet in eine angeregte Diskussion mit der Verkäuferin, die eine sehr nette Dame mittleren Alters war. Ich kam mit einem breiten Lächeln aus dem Laden. Es hatte mir gutgetan, mich mit jemanden austauschen zu können. Auf derselben Strasse begegnete mir ein Pilger mit vier Hunden. Er sprach mich an, weil er kein Geld mehr habe. Benjamin war ein Franzose und er erzählte mir, dass er die ganze Pilgerreise mit seinen vier Hunden im Zelt gemacht hatte, da er eigentlich auf der Strasse wohnte. Nach einem kurzen Gespräch gab ich ihm fünf Euro, mehr an Bargeld hatte ich gar nicht. Er war mir trotzdem sehr dankbar und unsere Wege trennten sich wieder.
Ich hatte für meine zwei Nächte in Santiago ein Zimmer in einem kleinen Hotel gefunden, welches keine fünf Minuten Fussweg von der Kathedrale war. Dort gab man mir ein Kaffee, um die Zeit abzuwarten, bis das Zimmer gereinigt war. Ich war wieder mal zu früh aufgetaucht.
Nachdem ich mich eingerichtet hatte, ging ich gleich wieder in die Stadt. Ich wollte mich ein wenig umsehen, lange war ich nicht mehr in so einem grossen Ort gewesen. Eigentlich war ich auf der Suche nach einem Supermarkt, als ich zufällig auf das Pilgermuseum traf. Kurzentschlossen ging ich hinein und schaute mir die Ausstellungen an. Ich erfuhr viel über die Geschichte des Pilgerns, was vor der eigenen Reise vielleicht weniger spannend gewesen wäre.
Später ging ich dann noch Einkaufen. Vor dem Laden hielt mich ein Mann auf, der mich bat, ihm Essen zu kaufen. Er erzählte mir, er sei mit anderen unterwegs und sie hätten sich den ganzen Weg erbettelt. Ich sagte, er soll einfach mit in den Supermarkt kommen und ich zahle ihm seine Einkäufe. Im Laden war er sehr bedacht darauf, nicht zu viel zu nehmen. Ich bezahlte und er bedankte sich tausendfach, bevor er in einer Seitenstrasse verschwand.
Auch in Santiago durfte die Siesta nicht fehlen, weshalb ich in mein Hotel zurückkehrte. Ich wälzte mich auf mein Bett und schaute einen Film, im süssen Wissen, dass ich am nächsten Tag keine Etappe zu bewältigen hatte.
Am Abend ging ich in eine kleine Bar, die ich auf dem Internet gefunden hatte. Ich wollte mir einen schönen Abend gönnen. Ich bestellte mehrere kleine Speisen und Gläser Wein. In meiner ausgelassenen Stimmung kam ich auf die Idee, meine sozialen Medien wieder herunterzuladen. Eine schlechte Entscheidung. Ich verbrachte eine halbe Stunde auf meinem Handy, und als ich wieder aufblickte, fühlte ich mich völlig ausgelaugt. Das meiste was ich gesehen hatte, war entweder negativ, völlig belanglos oder ich hätte es lieber von meinen Freunden in Person erfahren. Ich löschte die Apps unverzüglich wieder.
Etwas beschwipst lief ich in mein Hotel zurück. Dort angekommen nahm ich eine Sprachnachricht auf, um mir selber zu erklären, wie sich die Erfahrung mit den sozialen Medien angefühlt hatte. Ich kann diese Sprachnachricht heute noch nicht anhören, ohne sie vor Scham wieder zu stoppen.
Mein erster Tag in Santiago war so schnell vorbei wie er angefangen hatte, aber ich war glücklich angekommen zu sein. Zum ersten Mal während meiner Reise lebte ich wirklich im Moment, was unglaublich wertvoll ist.
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