Immer der Muschel entlang XXVI
- Carlito Thormann
- 2. Feb. 2023
- 3 Min. Lesezeit
29.10.2021
Ich ging ungewöhnlich früh los. Es war noch dunkel, so dass ich zum ersten Mal seit Wochen meine Stirnlampe auspacken musste. Doch auch das hielt mich nicht davon ab, mich in meiner Eile zu verlaufen. Bei den kleinen Waldwegen, denen ich bis Baamonde folgte, war das auch nicht allzu schwierig.
In Baamonde angekommen machte ich kurz Halt, trank einen Kaffee und machte ein paar Einkäufe. Bis am nächsten Tag würde ich nicht mehr auf einen Laden stossen, weshalb ich mehr als gewohnt einkaufte.
Von dort ging es erst der Hauptstrasse entlang weiter, was dann doch etwas gewöhnungsbedürftig war. Es fuhren regelmässig Lastwagen an mir vorbei und ich lief am Ende mehr auf dem unebenen Gelände neben der Strasse als auf der Strasse selbst.
Irgendwann ging es endlich wieder durch den Wald, an einer kleinen Kirche vorbei den nächsten Hügel hinauf. Es kam der Moment, an dem ich mich zwischen zwei Wegen entscheiden konnte, wobei ich diesen Entscheid schon am Vortag getroffen hatte. Nur einer der Wege führte zur Herberge, in der ich übernachten wollte. Ich schlug also den Weg Richtung Pobra de parga ein.
Um halb zwei erreichte ich den kleinen Ort. Erst dachte ich, ich wäre am falschen Ort. Die Häuser waren alle verlassen, niemand war zu sehen. Im Zentrum befand sich ein grosser Friedhof. Auch die Herberge sah von aussen verlassen aus. Es waren mehrere kleine Häuser, die alle aneinandergereiht waren. Ich setzte mich vor den Eingang und wartete auf die Betreiber.
Eine kurze Weile danach kamen Isabelle und Vincente, das Paar, welches die neu umgebaute Herberge betrieben. Ich checkte ein und entdeckte dann die schönste Herberge, die ich während meiner ganzen Reise besuchte. Die Zimmer waren alle mit ihren eigenen wunderbaren Badezimmern ausgestattet und der gemeinsame Raum war riesig. Eine der Wände war durch eine Glasfront ersetzt worden und bot Ausblick auf den Wald und die weit entfernten Hügel.
Nach meiner Erkundung nahm ich eine Dusche und ruhte mich etwas aus. Nach und nach kamen mehr Pilger an, darunter die Engländerin, mit der ich mich am Vortag schon ausgetauscht hatte, und mein alter Bekannter José. Ich war wieder sehr erfreut ihn zu sehen, denn er hatte sich im Verlauf seiner Reise auch etwas beruhigt und war angenehmer als zuvor.
Am Abend assen alle acht Pilger gemeinsam. Vincente hatte ein sehr leckeres Abendessen zubereitet. Es war ein sehr schöner Abend. Der Raum war unglaublich bequem und am Tisch lief eine rege Diskussion mit allen gemeinsam.
Etwas später war ich mit José in unserem Zimmer. Wir unterhielten uns über die Wichtigkeit von Freundschaften. Ich erzählte ihm, dass Jonathan, einer meiner besten Freunde, mir angeboten hatte, mich bei meiner Rückreise am Flughafen in Genf abzuholen. Als ich seine Nachricht gelesen hatte, hatte ich weinen müssen. Meine wachsende Einsamkeit und die Bedeutung der Geste waren zu viel gewesen.
José verstand mich sehr gut und zum ersten Mal, seit ich ihn kannte, erzählte er mir davon, wie es in ihm drinnen aussah. Die Trennung von seiner Frau beschäftigte ihn mehr, als was sein heiteres Auftreten verriet. Dafür lobte er die Werte der Freundschaft, worauf ich ihm nur zustimmen konnte. Ich glaubte, Tränen in seinen Augen zu sehen, was mir etwas leid tat. Am Morgen danach würde ich ihn zum letzten Mal sehen und ich muss gestehen, manchmal würde ich gerne mit ihm reden oder ein paar Kilometer mit ihm zurücklegen. Wir sind zwei Menschen, die kaum unterschiedlicher Natur sein könnten und der Camino del norte hat uns zusammengeführt. Dafür war ich und bin ich immer noch zutiefst dankbar.
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