Immer der Muschel entlang XXI
- Carlito Thormann
- 25. Dez. 2022
- 2 Min. Lesezeit
24.10.2021
Kurz vor neun verliess ich das Hotel und machte mich auf den Weg in Richtung Piñera. Schon nach der ersten Kurve fiel mir ein grosser Bus auf, der am Strassenrand gerade eine ganze Gruppe an älteren Frauen ablud. Sie waren alle mit Wanderstöcken und Tagesrucksäcken ausgerüstet. Ich schaffte es nicht mehr, sie vor dem ersten Anstieg zu überholen, so dass ich hinter ihnen herlief. Gegen die schiefen Töne, welche sie im Chor von sich gaben, konnten meine Kopfhörer absolut nichts ausrichten.
Eine ganze Weile blieb ich hinter der Gruppe stecken, bis sie, an einem Waldeingang, endlich eine Pause machten. Ich packte die Gelegenheit beim Schopfe und zog an ihnen vorbei. Eines hatte ich jedoch nicht bemerkt. Der Grund ihrer Pause waren die vollen Blasen gewesen. Mit Blick starr auf den Boden gerichtet, lief ich an den knienden Frauen vorbei.
Um dieser unangenehmen Situation zu entgehen, lief ich nochmal ein Stück schneller, was dazu führte, dass ich im Wald den falschen Weg einschlug. Ich irrte etwas umher und hörte hinter mir die Gruppe näher kommen. Sie waren mir offenbar gefolgt und hatten sich so ebenfalls verlaufen. Nach einer Weile lief ich einfach quer durch den Wald, bis ich wieder auf eine wegweisende Muschel traf.
Gegen halb elf kam ich in der wunderschönen Hafenstadt Lluarca an. Ich hielt dort kurz, um etwas Geld abzuheben und die Aussicht zu geniessen.
Der Camino führte von dort aus dann wieder weit über den Meeresspiegel. Über breite Kieselwege stieg ich einen Hügel nach dem anderen empor.
Die Herberge in Piñera erreichte ich schon am frühen Nachmittag. Ich musste eine Weile auf die Betreiber warten und machte es mir im kleinen Vorhof gemütlich.
Die Betreiber stellten sich als sehr nettes Paar heraus, die mir die Herberge zeigten. Der Mann fuhr mich dann sogar mit dem Auto bis an eine Tankstelle, damit ich dort etwas Essen einkaufen konnte, da kein Laden im kleinen Dorf offen hatte.
Nach ein paar ruhigen Stunden alleine in der Herberge trafen zwei Pilgerinnen ein. Sie stellten sich als Karin und Karin vor, was etwas gewöhnungsbedürftig war. Die beiden waren Schweizerinnen, was unsere Kommunikation sehr leicht machte.
Sie erzählten mir, dass sie schon seit ihrer Jugend befreundet waren. Gemeinsam machten sie nun schon seit Jahren jedes Jahr wieder einen Teil des Caminos, mit Start in ihrem Wohnort in der Schweiz. Jedes Jahr nahmen sie den Weg dort wieder auf, wo sie am Jahr zuvor angehalten hatten.
Die beiden waren sehr sympathisch. Wir assen gemeinsam zu Abend und tauschten uns über alles Mögliche aus. Vor allem die verschiedenen Eindrücke unserer Reisen, auch durch den Altersunterschied bedingt, nahmen unsere Diskussion in Anspruch.
Satt und zufrieden gingen wir dann alle schnell ins Bett, denn die Herberge war nur sehr spärlich geheizt. Es würde eine kalte Nacht werden.
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