Immer der Muschel entlang XVIII
- Carlito Thormann
- 21. Apr. 2022
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 16. Dez. 2022
21.10.2021
Ich ging früh los, gegen acht Uhr morgens. Nach einer knappen halben Stunde und einem kleinen Abstecher in einem Kaffee, um mir ein Frühstück zu holen, traf ich auf José. Für die nächsten Kilometer liefen wir gemeinsam. Es folgte eine der tiefgründigsten Diskussionen, die ich auf meiner Reise führte. Wir tauschten uns aus über unsere Auffassungen von Glauben und von Gott. Wir konnten uns zwar nicht immer einigen, doch es war sehr spannend, seine Sicht kennen zu lernen.
Nach einigen Kilometern kamen wir an eine kleine Kapelle, vor der eine Puppe saß, die wohl einen Pilger darstellen sollte. José fand sie unglaublich komisch, so dass ich nicht darum herum kam, ein Foto von ihm und der Puppe zu machen, welches er stolz seiner Familie schickte.
Dann kam der harte Teil des Tages. Der Camino hatte sich bis dahin auf Landstraßen zwischen kleine Häusergruppen geschlängelt, doch nun ging es steil bergauf. José und ich trennten uns, da ich um einiges zügiger laufen wollte. ,,Mach nur, da hast du als Schweizer ja in den Genen”, kommentierte er lachend unsere Trennung.
Ich bewältigte den ersten und auch den zweiten Anstieg problemlos, was mich heute noch stolz macht. Offenbar hatte José mit seinem Kommentar gar nicht so unrecht. Es ging erst 300 Höhenmeter hoch, welche man dann auf der anderen Seite wieder runterging. Der zweite Anstieg war etwas kleiner, doch immerhin auch 200 Höhenmeter.
Nach dieser langen Strecke, geprägt von diesen zwei Anstiegen über die Hauptstrasse, kam ich gegen zwei Uhr Nachmittags in Deva an, letzter Ort vor meinem eigentlichen Ziel Gijón. Die letzten Kilometer streckten sich schrecklich in die Länge. Grund dafür war vor allem, dass ich eigentlich schon in Gijón selber war, aber noch knappe acht Kilometer bis zu meinem Hotel vor mir hatte.
Dazu kam, dass die Muscheln, welche den Camino markieren, in der Stadt nicht mehr auf Augenhöhe platziert waren, sondern auf dem Bürgersteig selbst. Dieser Umstand erschwerte mir nicht nur die Orientierung, sondern nahm auch meinen Nacken schwer mit. Nach einer längeren Strecke in der Stadt selber, folgte ein Stück an der Strandpromenade. Mein Magen fing an zu knurren und ich fing deshalb an, aufmerksam die Karten der Lokale zu lesen, an denen ich vorbeikam. Leider fand ich nichts was mir gefallen hätte, da ich kein Liebhaber von Meeresfrüchten bin. Ich ließ mich irgendwann dazu herab, einen Döner aus einem Automaten zu kaufen und diesen im Laufen zu essen.
Kurze Zeit später, gegen drei Uhr Nachmittags, kam ich dann beim Hospedaje Vegadeo an. Einige Minuten ließ die Betreiberin auf sich warten, dann kam sie und schloss mir auf. Beim einchecken schaute sie verdutzt auf meinen Pass und blickte ungläubig in mein mittlerweile mehr als unrasiertes Gesicht. ,,Tienes diecinueve, eres un bebe”, kommentierte sie meinen 2002er Jahrgang und lächelte mich an. Sie stempelte meinen Pilgerpass, gab mir meine Zimmerschlüssel und wünschte mir einen guten Aufenthalt.
Nach einer warmen Dusche ging ich in einem Supermarkt einkaufen. Verdutzt stellte ich dort fest, dass dort Gemüse und Früchte so gehandhabt wurden, wie ich es mir von Fisch und Fleisch in unseren Supermärkten gewohnt bin. Ich musste an eine Theke und meine zwei Äpfel bei einer Mitarbeiterin bestellen, die diese für mich wog.
Danach blieb ich in meinem Zimmer. Ich ass das Abendessen, was ich mir im Supermarkt geholt hatte und entspannte mich ein wenig. Störend war nur, dass ich vom Fenster aus den ganzen Straßenverkehr mehr als nur hörte. Ich verbrachte die Nacht mit dem Gefühl, neben einer Hauptstraße zu liegen.
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