Immer der Muschel entlang XIII
- Carlito Thormann
- 15. Feb. 2022
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 16. Dez. 2022
16.10.2021
An diesem Morgen stand ich so spät auf wie sonst nie während meiner Reise. Es hatte wahrscheinlich damit zu tun, dass ich meinen kleinen Rausch des Vortages ausgeschlafen habe. Ich hatte göttlich geschlafen und konnte mich nur mit Mühe dazu entscheiden, mich wieder auf den Weg zu machen. Bevor ich ging trank ich im Hotel noch schnell einen Kaffee, was mein einziges Frühstück war.
Der Weg führte aus Santillana del Mar hinaus und an Wiesen und verlassen Höfen vorbei. Nachdem ich an einer Kirche an einem kleinen Wanderweg vorbei gekommen war, füllten sich meine Augen auf einmal mit Tränen. Ich spürte wie sich mein Herz quälte. Zum ersten Mal auf meiner Reise war ich nicht physisch, sondern plötzlich geistlich am Ende. Eine Welle von Heimweh überkam mich und ich wollte nichts anderes mehr als meine Nächsten wieder zu sehen. Heulend lief ich weiter, ohne dass ich irgendeinem anderen Pilger begegnet wäre. Es war einer von vielen solch emotionalen Momenten, die mir noch bevorstanden. Genau diese Momente waren es, die mich gezwungen haben, mein Verhalten und meine Beziehungen zu überdenken. Ich bin unendlich dankbar dafür, denn diese Überlegungen und vor allem die Entscheidungen die ich für mich getroffen habe, haben dazu geführt, dass ich mich nun viel freier und glücklicher fühle als vor meiner Abreise.
Einige Kilometer weiter verliess der Camino die kleinen Landstrassen und Wanderwege und es ging auf dem Trottoir weiter. Ich erschrak, als plötzlich ein sehr lautes Rennauto an mir vorbei raste. Es war nur das erste von vielen weiteren. Als ich dann der Strasse entlang an einen Strand kam, entdeckte ich, wieso so viele Fahrer unterwegs waren. Unten am Strand war der Start für das Rennen. Die Motoren der Autos waren so laut, dass meine Kopfhörer nutzlos wurden.
Gegen Mittag kam ich in Comillas an. Somit war ich am Ende der offiziellen Etappe beendet, was bedeutete, dass 22 Kilometer hinter mich gebracht hatte. Ich entschied mich aber, an diesem Tag bis nach San Vicente de la Barquera zu laufen. Diese größere Hafenstadt lag weitere elf Kilometer entfernt.
Nach Comillas ging es einige Kilometer an der Hauptstrasse entlang, was durch den grossen Fußweg daneben keine grosse Sache war. Es erwartete mich eine wunderschöne Aussicht auf den grossen Naturschutzpark, der zwischen der Straße und dem Strand lag.
Später kam dann das schon bekannte auf und ab. Auf kargen Wegen stieg ich einen grünen Hügel nach dem anderen hinauf. Auf diesem Abschnitt traf ich auf Renate, mit der ich im Abuelo Peuto das Zimmer geteilt hatte. Sie erkannte mich ohne weiteres. Ich schloss mich ihr an. Während wir zusammen sprachen durchquerten wir weiter Hügellandschaften und irgendwann auch ein großes Golfareal. Es war für keinen von uns ein Geheimnis, dass wir beide nicht dasselbe Tempo bevorzugten. So trennten wir uns nach wenigen Kilometern, im Wissen, dass wir dieselbe Herberge als Ziel hatten.
Kurz nachdem wir uns getrennt hatten, verlief ich mich. Das führte dazu, dass ich den letzten Teil bis nach San Vicente leider der Strasse entlang ging. Begleitet von den mythologischen Abenteuern des Percy Jackson, biss ich die Zähne zusammen und lief weiter. Meine Knien waren auch an diesem Tag wieder angeschlagen. Gegen drei Uhr Nachmittags erblickte ich die grosse Brücke, die in die Stadt führte. Zur Herberge ging es dann nochmal kurz steil hoch, dann war ich endlich am Ziel.
Zwei ältere Frauen empfingen mich herzlich. Ich bezog mein Bett und ging dann Richtung Dusche. Schon im Gang hörte ich eine Stimme laut singen und ein unaufhörliches Piepen eines Mobiltelefons. Selbstverständlich wusste ich sofort wer da unter der Dusche war: José! Ich beschloss, nichts zu sagen und einige Momente mehr der Ruhe zu geniessen. Ich wusste, dass er mich sofort in ein langes Gespräch verwickeln würde, wofür ich in diesem Moment wirklich keine Energie hatte. Nach einer heissen Dusche verließ ich die Herberge und ging hinunter in die Stadt, um dort einzukaufen.
Als ich mit einer Tasche voll Proviant zurückkam, war auch Renate eingetroffen. Nachdem wir unsere Kleider in die Waschmaschine geworfen hatten, setzten wir uns an einen Tisch und tranken Tee. Schnell führte eine Frage zur nächsten, und aus einfachem Smalltalk wurde ein tiefgründiges Gespräch. Wir sprachen über verlorene Freunde und Familie, den Schmerz der Trauer und darüber, wie ich alle schönen Momente meiner Reise im Herzen teilte. Mehrere Male waren beide von uns den Tränen nahe. Ich bin ihr heute noch sehr dankbar für dieses Gespräch, den ich habe an diesem Tag Gedanken ausgesprochen, welche ich davor aus Angst nie formuliert hatte. Renate zeigte unglaubliches Verständnis und Herzlichkeit. Sie wird diesen Text wohl nie lesen, aber falls doch: Renate, vielen Dank, dieses Gespräch hat mir sehr viel bedeutet.
Am Abend aßen alle im gemeinsamen Raum, jeder das, was er eingekauft oder noch übrig hatte. Der Abend zog sich dadurch in die Länge, dass ich mich von José in ein Gespräch hineinziehen ließ. Ich hatte ihn an diesem Zeitpunkt zwar schon etwas in mein Herz geschlossen, doch sein unglaublicher Redeschwall war mir dann irgendwann auch zu viel. Eine Ansicht die auch Renate teilte. Nachdem ich es endlich geschafft hatte, mich dem Gespräch zu entziehen, ging ich mit einer angenehmen Müdigkeit ins Bett.
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