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Immer der Muschel entlang X

  • Autorenbild: Carlito Thormann
    Carlito Thormann
  • 3. Feb. 2022
  • 5 Min. Lesezeit


13.10.2021


Sehr früh am morgen machte sich Nele schon auf den Weg, was uns andere im Zimmer weckte. So durchgefroren wie ich war, hielt auch ich es nicht mehr lange aus und machte mich auf den Weg. Von der Herberge ging es erst wenige Kilometer der Küste entlang, bis zu einem kleinen Strand. Dort brachte eine Fähre die Pilger nach Santoñia, kleine Stadt die auf der anderen Seite des Kanals war.


Als ich dort ankam saß dort schon Nele und kurz nach mir kam auch das Paar aus Barcelona an. Jeder von uns war so früh wie es ging gegangen, um die erste Fähre zu erwischen. Dummerweise war das aber irrelevant, denn fast alle Pilger der Herberge endeten auf der gleichen Fähre, die etwas Verspätung hatte. Oliver, Tatjana und ihr Genosse waren ebenfalls mit an Bord. Sie redeten sehr laut, wie ich fand, und nahmen auch sonst relativ viel Platz ein. Da waren sie mir dann wieder zu deutsch. Vorurteil, ich weiss, aber es war in diesem Moment nun mal so. Ich muss aber auch gestehen, dass meine Toleranz durch die Kälte meiner Nacht sicher etwas abgenommen hatte.


In Santoñia angekommen rannte José, der ebenfalls an Bord der Fähre gewesen war, den Weg entlang. Er hatte, wie ich es später erfuhr, immer so ein Tempo drauf.


Es begann dann ein Anstieg auf einen Hügel, der direkt an einem Strand lag. Zwischen Gestrüpp ging es über einen kleinen Felsenweg ziemlich steil hoch. Um die Anstrengung zu belohnen bot sich mir eine unglaubliche Aussicht, die meine Laune an diesem Morgen um einiges hob. Kurz bevor es wieder runter ging Richtung Meeresspiegel, holte ich José ein, der mit nur mit Müh und Not diesen Hügel hochstieg. ,,Es fácil para el suizo’’, kommentierte er meinen rapiden Anstieg. Eine Weile liefen wir gemeinsam.


Nachdem wir den Abstieg hinter uns hatten ging es über einen Strand. An sich tönt dies jetzt relativ angenehm, aber mit Wanderschuhen über nassen Sand gehen war nicht gerade gut für meine Knie. Ich lenkte mich mit Smalltalk davon ab.


José entschied sich dafür, der Straße nachzugehen, denn er orientierte sich an Google Maps. Ich ging lieber durch den Ort und später weiter am Strand entlang. So trennten wir uns. Kurze Zeit später kam ich in einem kleinen Ort namens Noja an, wo ich schnell in einen Supermarkt ging, um Wasser zu kaufen.

Als ich aus Noja hinauskam, traf ich auf Nele. Sie fragte mich, ob ich lieber weiterhin alleine laufen wollte. Sie hatte wohl bemerkt, dass ich meine Kopfhörer in den Ohren hatte. Ich verneinte und wir gingen einige Kilometer gemeinsam. Sie war Anfang dreißig und hatte schon mehrere Pilgerreisen hinter sich. Im Allgemeinen lebte sie eher ein Nomadenleben. Sie erzählte mir, dass sie ihren Computer mit sich schleppte, weil sie noch etwas arbeiten musste. Ich sprach sie dann auch auf ihren dicken Mantel an, der gar nicht zu einer Pilgerreise in Spanien passte. Lachend erklärte sie, dass sie diesen hatte mitnehmen müssen, da sie direkt nach Spanien auf Irland fliegen würde, um dort Freunde zu besuchen.


An einer Kreuzung trennten wir uns wieder, da sie im nächsten Ort ein öffentliches WC suchen wollte. Sobald wir uns getrennt hatten, verlief ich mich und fand mich auf einer Kuhweide wieder. Mir blieb nichts anderes übrig, als umzukehren. Schnell fand ich die Muscheln wieder und lief weiter.


Die letzten Kilometer vor meinem Ziel waren wieder auf einer Hauptstrasse. Sie war zum Glück nur wenig befahren, aber der Asphalt gab meinen Knien wieder zu schaffen. Ich überholte das Ehepaar auf Barcelona und kam dann am frühen Nachmittag in der Herberge des Abuelo Peuto an, eine der berühmtesten Herbergen auf dem Camino del Norte.


Dort wurde ich von einer jungen Freiwilligen empfangen, die mir Wasser und Gebackenes anbot. Ich setzte mich erstmal hin und sie erklärte mir, wie das Abendprogramm im Abuelo Peuto verlaufen würde.


Als ich in das grosse Esszimmer eintrat, um mich zu registrieren, spricht mich ein Mann mit langen Haaren und einer Brille an. ,,Tu eres el suizo”, begrüßt er mich. Das machte mich dann doch etwas stutzig, woher wusste er, dass ich Schweizer bin. Ein Pilger, der kurz vor mir angekommen sei, habe gesagt, es käme noch ein junger Schweizer ins Peuto. Das erklärte mir Markus auf Schweizerdeutsch. Er war aus Luzern und war für eine Weile in der Herberge als Elektriker tätig, ansonsten war er aber mit dem Zelt unterwegs.


Nachdem ich meine Sachen in mein Zimmer gebracht hatte, nahm ich ein Stockwerk weiter unten eine Dusche. Da hörte ich eine bekannte Stimme, die laut und falsch sang. In der Kabine neben mir war José! Er war es auch gewesen, der meine Ankunft vorhergesagt hatte.


Am späteren Nachmittag waren alle Pilger draussen im Garten. Ich sass an einem Tisch mit Nele und den zwei Italienern, die ich in Laredo schon getroffen hatte. Wir tauschten uns über unser Leben und unsere Erfahrungen als Pilger aus, als mich einer der beiden mit seriösen Unterton auf Englisch fragte: ,,Ok jetzt muss ich dich aber fragen, bist dass du auf diesem Bild?” Er streckte mir sein Telefon hin und tatsächlich, auf seinem Bildschirm sah ich ein Foto meines Passes! Ich erschrak und in meinem Kopf spielten sich eine Unmenge an Szenarien ab, wie er an dieses Foto gelangt war. Er unterbrach meine Gedanken, in dem er mir erklärte, dass ein Busfahrer vor Bilbao sie angehupt hatte. Er hatte ihnen dann durchs Fenster meinen Pass gezeigt, den ich ja im Bus hatte liegen lassen, und sie gebeten mir bescheid zu sagen, falls sie meinen Weg kreuzten.


Am Abend versammelten sich alle Pilger in einem kleinen runden Gebäude. An den Wänden waren fünf Gemälde, zu denen jeweils ein Gedicht gehörte, welche unter den Bildern zu lesen war. Ernesto, der Betreiber der Herberge, erzählte uns erst seine Geschichte, dann die der Herberge. Der alte Mann hatte einen langen weissen Bart und Augen voller Empathie. Mit ruhiger Stimme erzählt er, wie er nach vielen Jahren als Priester in einem der höchsten Dörfer Spaniens, wieder an diesen Ort zurückgekehrt war, den seine Großeltern einst gebaut hatten. Daher auch der Name, denn Abuelo Peuto bedeutet soviel wie perfekter Großvater. Als Ernesto also wieder in seinen Heimatort kam, entschloss er sich, das Haus auszubauen. Er schaffte es, das ganze Dorf mit einzubeziehen. So entstand auch der Ort, in welchem er uns, wie er es jeden Abend machte, die Geschichte des Ortes und seines Lebens erzählte.


Es war sehr spannend ihm zuzuhören, auch wenn einige seiner Aussagen an die eines Gurus denken ließen. Aber Ernesto versuchte uns nicht zu überzeugen. Jedem von uns war selber überlassen, was er mit den Ideen die er uns mitgab anstellte.


Nach der kleinen Geschichtslektion begaben wir uns alle in den grossen Essraum im Erdgeschoss, wo uns ein reiches Abendessen erwartete. Am Tisch diskutierten alle fröhlich miteinander, alle möglichen Sprachen wanderten durch die Runde. Ab und zu brachte der Koch, der mit seinem kahlen Kopf, imposanten Schnurrbart und bösen Augen etwas angsteinflößend aussah, den nächsten Gang.


Vor dem Zimmer sprach ich noch eine Weile mit Markus, bevor ich dann ins Bett ging. Mit mir im Zimmer waren José und Nele, die ich ja schon kannte, und zwei weitere Pilger. Einer von ihnen war Javier, ein Mann über fünfzig, der von den Kanarischen Inseln kam. Er fiel mir an diesem Abend auf, da er völlig nackt schlief. Er legte sich einfach unter die Bettdecke, zog sie bis zum Kinn hoch und bewegte sich dann bis am nächsten Morgen nicht mehr. Meine letzte Mitbewohnerin für diese Nacht war Renate, mit der ich vor allem ein paar Tage später besser kennenlernen würde.


Es war ein anstrengender, aber schöner Tag gewesen und ich fühlte richtig wohl im Abuelo Peuto. Mit meinem Rücken an der Heizung und müden Gliedern schlief ich glücklich ein.


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