Immer der Muschel entlang V
- Carlito Thormann
- 19. Jan. 2022
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 20. Jan. 2022
Teil fünf, der Tag an dem ich fast den Mut verlor...

08.10.2021
Nach einem, wie ich finde, verdienten Ausschlafen, zwang ich mich wieder in meine Schuhe. Gegen halb Zehn verliess ich mein Zimmer und erkundete die kleine Stadt. Auf der Hauptstrasse kaufte ich mir in einem kleinen Laden ein Frühstück und holte mir in einem Café einen Kaffee zum mitnehmen.
Am Abend zuvor hatte ich mir vorgenommen, bis nach Bilbao zu laufen. Es lagen also um die 30 Kilometer vor mir. Die Muscheln führten mich langsam von der Stadt wieder in die Hügel. Ich lernte über diese Strecke einen meiner größten Feinde kennen: der Asphalt. Jeder weiss, dass es angenehmer ist, auf Waldboden zu wandern, als auf Asphalt. Speziell mit Füßen in meinem Zustand wurde mir bewusst, wie sehr dieser Untergrund jeden Schritt erschwerte. Wenn es nach oben ging, spürte ich die Blasen an meinen Füßen, wenn es nach unten ging, spürte ich jeden Schritt in den Knien.
Wie am Vortag kam ich dann am Kamm der Hügelkette an. Der Weg bis dahin hatte mich durch winzige Ortschaften und kleine Waldstücke geführt. Doch der Teil der folgen würde, würde sich als viel schlimmer herausstellen. Ich folgte einer scheinbar endlosen Landstraße hinunter. Meine Füße schmerzten wie am Vortag und meine Knie standen in Flammen.
Dann kam ich in Lezama an. Etwas über 16 Kilometer hatte ich meinem Körper zu diesem Zeitpunkt schon abverlangt. Ich spürte, dass ich es unmöglich bis nach Bilbao schaffen würde. Doch das musste ich gar nicht. Wie vom Himmel gefallen stand ein Bus an einer Endstation. Ohne zu zögern stieg ich in den Bus, nachdem ich mich versichert hatte, dass dieser in Richtung der Hauptstadt der Provinz Bizkaia fuhr.
Als ich Platz nahm, erkundigte sich eine ältere Dame, ob ich eine Gesichtsmaske für sie hätte. Ich gab ihr eine, worauf sie bestand, mir zwei Euro zu geben. Erst wollte ich diese nicht annehmen, doch sie drückte die Münze fest in meine Hand. Als ich dann mit derselben Münze mein Busticket zahlte, strahlte sich mich an. Im Grunde genommen hatte mir meine Freundlichkeit die Fahrt bezahlt.
Dreiviertel Stunden später kam ich in Bilbao an. Mein Magen knurrte und aus schierer Faulheit ging ich in den Burger King auf dem Hauptplatz der Stadt. Diesen Entscheid habe ich aus mehreren Gründen sofort bereut. Erstens ging es fast eine Stunde bis ich mein FAST-food bekam und zweitens schmeckt ein Menü von Burger King selbst in solch einer Situation nicht besonders beeindruckend.
Als ich meinen Geldbeutel hervor nahm merkte ich, dass meine kleine Reisetasche nicht mehr in meinem Rucksack war. Panick überschwemmte mich. Ich konnte doch nicht meinen Pass und meinen Pilgerpass am fünften Tag meiner Reise verlieren. Schon sah ich mich, dank meinem Hang zur Dramatik, meine Reise aufgeben müssen.
Nachdem ich also meinen Burger verspeist hatte, ging ich ins Tourismusbüro. Dort holte ich mir die Nummer des Fundbüros der Stadt. Bevor ich aber dort anrief, wollte ich erst meine Unterkunft für die Nacht finden. Geplant war ein Hostel, etwas außerhalb des Stadtkerns. Ich fuhr also mit der U-Bahn dorthin. Dort fand ich mich vor geschlossenen Türen wieder. Am Telefon gab man mir die Auskunft, das Hostel sei ausgebucht. Nach mehreren anderen Anrufen bei anderen ausgebuchten Hostels beschloss ich, mit der U-Bahn erstmal zurück in die Innenstadt zu fahren. Der Panik des verlorenen Passes schloss sich nun auch noch die Angst an, keine Unterkunft zu finden und weiter ziehen zu müssen. An das Geld, dass ich durch die unnötigen Fahrten verschwendet hatte, wollte ich damals nicht denken und will es heute auch noch nicht.
Zurück im Zentrum der Stadt fand ich auf dem Internet das Hostel Optimi Rooms, das Kapseln anstelle von Zimmern anbot. Mithilfe von Google Maps gelangte ich dann an die Rezeption. Ich hatte Glück, für die nächsten zwei Nächte war noch eine Kapsel frei. Ich hatte nämlich beschlossen, am nächsten Tag in Bilbao zu bleiben, einerseits um mich zu erholen, andererseits um die Stadt zu erkunden.
Nachdem ich meine Kapsel bezogen und geduscht hatte, setzte ich mich vor das Optimi Rooms auf eine Bank. Dort rief ich dann das Fundbüro an, erfolglos. Sie hatten meine Reisetasche nicht gefunden. Aus Verzweiflung rief ich dann bei der Zentrale der Buslinie an. Man leitete mich drei Mal weiter, bis ich endlich die richtige Person am Hörer hatte. In gebrochenem Spanisch erklärte ich ihm meine Situation. Er ließ mich kurz warten, während er den Busfahrer direkt anrief. Dann die erfreuliche Nachricht. Der Busfahrer hatte meine Reisetasche tatsächlich! Ich konnte mein Glück kaum fassen. Der Bus sei in wenigen Minuten bei der Endstation, ich solle dort mein Eigentum holen gehen.
Hier muss ich wohl kurz zwei Dinge erklären. Erstens: Das Hotel befand sich gute zwei Kilometer von der Bushaltestelle entfernt. Zweitens: Ich trug Flip Flops an meinen mit Blasen übersäten Füssen. Diese Tatsachen hatten zur Folge, dass ich mit pochenden Füssen durch halb Bilbao gerannt bin, um rechtzeitig vor Ort zu sein. Ich verlief mich mehrmals, bevor ich endlich die Endstation und den Bus erkannte. Der Busfahrer übergab mir meine Reisetasche und meine Panik fand ein Ende. Von da an konnte ich Bilbao richtig geniessen.
Auf dem Weg zurück zum Hostel kaufte ich mir Sushi zum mitnehmen, die ich dann in der gemeinsamen Küche zu mir nahm. Dann zog ich mich in meine Kapsel zurück. Diese war ausgestattet mit einem runden Spiegel, Lüftungssystem und einem eingelassenen Fernseher, Amazon Prime inbegriffen. Um die Kapsel in Betrieb zu nehmen, musste man seine Hotelkarte in einen Schlitz stecken. Ich verbrachte den Abend damit, meine Füße auszuruhen und mir spanische Filme anzusehen.
Im Nachhinein scheint mir, dieser Tag hätte um ein leichtes schlimmer hätte werden können als sein Vorgänger. Doch stattdessen hatten die positiven Ereignisse mehr Einfluss auf meine Laune an diesem Abend. Ich badete regelrecht darin, dass ich eine Unterkunft gefunden und meine Reisetasche wieder gefunden hatte. Ich bin überzeugt, bei so viel Glück muss ich irgendwo einen Schutzengel haben.

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