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Immer der Muschel entlang IX

  • Autorenbild: Carlito Thormann
    Carlito Thormann
  • 27. Jan. 2022
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 16. Dez. 2022



12.10.2021


Ich machte mich um neun Uhr auf den Weg, nachdem ich in einer Bäckerei mein Frühstück geholt hatte. Die Muscheln führten mich erst einige Kilometer an der Küste entlang. Es war eine der schönsten Strecken meiner Reise. Ich durchquerte kleine Wälder, offene Wiesen, alles immer an der Küste, gute zehn Meter über dem Meer.


Leider nahm sie, wie jede andere Strecke auch, irgendwann ein Ende und ich musste erneut ein Stück am Rand einer Hauptstrasse entlang laufen. Dann durfte ich mich erneut zwischen zwei Wegen entscheiden. Dieses Mal nahm ich die längere Option, denn diese führte durch Dörfer und grüne Hügel, während die kürzere Variante weiter der Straße folgte.


Knappe zwei Kilometer später, in einem kleinen Ort namens Rioseco, setzte ich mich an einen Picknicktisch und machte Mittagspause. Meine Füße machten mir an diesem Tag wieder mehr Mühe, ich war also ganz froh meine Schuhe ausziehen zu können und mich kurz hinzulegen.


Nach Rioseco führte der Weg über einen grossen Hügel, was einen bedeutenden Anstieg mit sich führte. Ich stieg im schwülen Wetter immer weiter nach oben. Irgendwann merkte ich dann etwas aussergewöhnliches. Über meinem Kopf, hoch im blauen Himmel, kreisten riesige Raubvögel. Die Situation war fast surreal. Ich starb fast vor Hitze, der Anstieg war hart und nun kam dieses Bild der Vögel dazu. Ich fühlte mich wie in einem alten Western. Sie warten nur darauf, dass ich zusammenbreche, dann fressen sie meinen erschöpften Körper, dachte ich für mich. Nach dieser Strecke hatte ich mehr Nacken- als Fussschmerzen. Mit meiner Faszination für Vögel hatte ich nicht anders können, als die ganze Zeit nach oben zu schauen. Ich habe erst später herausgefunden, dass es sich bei den Vögeln um Adler gehandelt hatte.


Vor Laredo, wo ich für die Nacht unterkommen würde, folgte ich wieder dem Küstenweg. So weit das Auge reichte erstreckte sich das Meer und der wolkenlose Himmel. Diese Umstände machten die letzten Kilometer sehr leicht zu meistern.


Gegen vier Uhr nachmittags kam ich dann im Albergue de la Trinidad an, eine Pilgerherberge in einem Kloster, welches von den Nonnen der heiligen Dreifaltigkeit geführt wird. Zwei sehr urchige Nonnen checkten meinen Pass und erklärten mir die Hausregeln. Von sechs bis acht Uhr konnte man nicht ins Kloster, denn die Schwestern hielten ihre Messe ab. Dann führte man mich in mein Zimmer. Dieses teilte ich mit vier anderen Pilgern.


Alle vier würde ich regelmässig sehen und mit zwei von ihnen würde ich einige Kilometer teilen. Ganz hinten im Zimmer hatte sich ein Ehepaar aus Barcelona eingerichtet, von denen ich nie den Namen erfuhr. Neben meinem Bett stand ein Etagenbett. Oben war Nele untergebracht, eine junge Deutsche, mit der ich vor allem am nächsten Tag Kontakt haben würde. Unter ihr hatte sich José eingerichtet.


José wird mir immer im Gedächtnis bleiben. Im Verlauf meiner Pilgerreise kreuzten sich unsere Wege häufig. Ich entwickelte zu ihm eine Art Hassliebe, die ich hier noch nicht erläutern kann, welche aber im Verlauf meiner Geschichte immer verständlicher werden wird.


José war ein Mann um die fünfzig. Er war ein sehr gesprächsfreudiger Mensch und war immer für einen Spass zu haben. Er stammte aus Cordoba, wo er erst eine Bar geführt hatte und jetzt Lokale für Feste vermietete. Ich würde noch viel von ihm erfahren, auch persönliche Details. Aber alles zu seiner Zeit.


Nachdem ich geduscht hatte, traf ich im Gang auf Oliver, dem ich in Portugalete begegnet war. Wir gingen zusammen in die Stadt und unterhielten uns bei einem Bier. Er war ein Mensch mit einem grossen Allgemeinwissen und wir diskutierten Literatur, Politik und alle andere möglichen Themen. Ich fand ihn ganz sympathisch, aber ich spürte an diesem Tag schon, was ich erst im Verlauf der nächsten Tage benennen konnte. Oliver war mir einfach irgendwie zu deutsch. Das tönt jetzt natürlich etwas problematisch, weshalb ich das später noch ausführlicher erklären werde.


Irgendwann schloss sich uns noch ein anderer deutscher Pilger an, den Oliver schon kannte. Beide berichteten über ihre anderen Reisen. Ich hörte gespannt zu, wie sie von Treks in den nepalesischen Gebirgen und anderen Unternehmungen erzählten.


Dann trennten wir uns. Die beiden machten sich auf die Suche nach einem Restaurant, während ich in einen kleinen Laden ging, wo ich mir Nudeln und Pesto kaufte. Zurück bei der Herberge musste ich dann einige Minuten warten, denn die Messe war noch nicht zu Ende. Als ich dort wartete kamen zwei weitere Pilger an. Es handelte sich um zwei junge Männer aus Italien, deren Namen ich aus irgendeinem Grund nie aufgeschrieben habe und deshalb vergessen habe. Schade, denn ich habe die beiden sehr gemocht.


Als ich mein Abendessen vorbereitete, kam Tatjana in die Küche und wir kamen ins Gespräch. Sie war ebenfalls aus Deutschland und kannte Oliver und den anderen schon. Wir gingen gemeinsam ins Esszimmer, wo schon zwei Männer waren. Der eine war José, der uns während der ganzen Mahlzeit einen Spanisch-Crashkurs gab. Ich behielt für mich, dass ich alle Begriffe schon kannte, die er uns beibringen wollte. Der andere Mann war ein Spanier, der den Camino auf dem Fahrrad bestritt. Ich war ihm zum ersten Mal in der Pilgerherberge in Orio begegnet. Er war ein stiller, aber nicht unsympathischer Tischgenosse. Mit dieser unwahrscheinlichen Kombination wurde es ein sehr unterhaltsamer Abend.


In der Nacht bekam ich dann wieder meinen Entscheid, nur einen Hüttenschlafsack einzupacken, schmerzlich zu spüren. Das Zimmer war nur schlecht geheizt und es wurde eine sehr kalte Nacht. Auch hier wieder eine Lektion, die ich während meiner Reise gelernt habe. Ein warmer Schlafsack ist sein Platz und sein Gewicht immer wert.


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