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Immer der Muschel entlang IV

  • Autorenbild: Carlito Thormann
    Carlito Thormann
  • 17. Jan. 2022
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 16. Dez. 2022

Der. Schlimmste. Tag.


07.10.2021


Die Nacht war kalt gewesen. Jede Bewegung in den Hochbetten erzeugte Lärm und einer meiner Zimmergenossen schnarchte so, dass ich mich mehrmals fragte, ob er wohl gerade am ersticken war. Eine der schlechteren Nächte, die sich vor den längsten und herausforderndsten Tag meiner Reise einreihte. Doch dazu komme ich noch.


Niemand hielt es am frühen Morgen lange aus. Um sechs Uhr waren schon viele auf den Beinen. Alle packten ihre Sachen zurück in ihre Rucksäcke und nahmen hastig ihr Frühstück ein. Ich frühstückte mit meinen Bekanntschaften des Vortages. Wir beschlossen, uns bei der nächsten Unterkunft wieder zu treffen, ein Kloster, das um die 25 Kilometer weiter weg lag.


Kurz nach Amanda verließ auch ich, mit montierter Stirnlampe und so warm angezogen wie möglich, kurz nach sieben die Herberge. Es war noch dunkel und nach einer halben Stunde sah ich die Anfänge eines wunderschönen Sonnenaufganges. Als dieser seine vollen Farben ausbreitete, hatte ich Amanda aufgeholt. Gemeinsam stoppten wir kurz, badeten in den ersten Sonnenstrahlen des Tages und machten Fotos.


Die Morgenstunden waren von vielen auf und ab geprägt. Amanda hatte ich mittlerweile abgehängt, wir hatten abgemacht uns am Abend wieder zu treffen. Begleitet vom Hörspiel eines meiner Lieblingsbücher, Der Vorleser von Bernhard Schlink, lief ich durch die wunderschönen Hügel des Baskenlandes. Die Landschaften die an mir entlang zogen gehören zu den schönsten die ich je gesehen habe. So weit das Auge reichte waren grüne bewachsene Hügel zu sehen, bestreut von einzelnen kleinen Häusergruppen. Die Häuser standen hervor wie Flecken auf einem weißen Tischtuch, so als hätten wir Menschen in dieser wilden Natur nichts zu suchen.


Mit einem guten Tempo und so gut wie gar keine Pausen kam ich gegen 13 Uhr schon im Kloster an. Von Amanda und Alessandro hatte ich schon seit den frühen Morgenstunden nichts gehört. Nach kurzer Überlegung beschloss ich, weiter zu laufen. Schließlich hatte ich noch viel Energie und Lust und es war dann doch etwas früh, um schon zu halten. Diese Entscheidung würde ich bitter bereuen.


Nichtsahnend zog ich also weiter. Der Weg führte weiter über Hügel und an gewissen Stellen war der Weg so schlammig, dass ich mir wie vorkam wie in einem Sumpf im tiefsten Amazonas. Jeden Moment erwartete ich einen Alligator hinter der nächsten Kurve. Nach einigen Kilometern begann ich mich zu fragen, wo ich wohl unterkommen würde, denn langsam spürte ich meine Füße, die sich vorgenommen hatten, überall wo man es sich nicht vorstellen konnte, Blasen zu bilden. Auch meine Knie meldeten sich ab und zu zu Wort, meist um mich zu fragen, was sie mir eigentlich angetan hatten, um diese rabiate Behandlung meinerseits zu verdienen.


Am nächsten ausgiebigen Anzeigetafel machte ich also eine Trinkpause, und studierte die Informationen. Der nächste größere Ort war Gernika-Lumo, ganze 16 Kilometer entfernt. Zu weit, so jedenfalls die Meinung meines Körpers. Gut, ich würde also vor Gernika-Lumo eine Unterkunft finden. So jedenfalls der Plan. Unnötig zu erwähnen, dass dieser alles andere als aufgehen würde.


Ich zog also weiter. Irgendwann überquerte ich den höchsten Punkt einer Hügelkette und stieg langsam hinunter. Dann der erwartete Moment: Eine Tafel weist auf eine Herberge hin, in der entgegengesetzten Richtung des Caminos. Erleichterung füllt meine meine Brust bei diesem Anblick, bis ich die zwei Pilger bemerke, die mir entgegenkommen. ,,Cerrado”, erklären sie mir nur. Die Herberge ist geschlossen. Es bleibt mir also keine Wahl, ich muss bis nach Gernika-Lumo, wo sich die nächste öffentliche Pilgerherberge befindet. Sofort verschwand die Erleichterung und der Schmerz in meinen Füßen und Knien nahm wieder ihren Platz ein.


Der Weg führte mich, nach einer kurzen Pause um Wasser zu kaufen, weiter Richtung Tal. Eine ganze Weile führte er mich über eine lange Holztreppe durch einen Wald, immer weiter steil hinunter. Die Treppe war alles andere als stabil und ich zog es vor, gewisse Stufen zu überspringen. Ich hatte nicht besonders Lust darauf, flach auf dem Waldboden zu landen.


Als ich aus dem Wald kam, sah ich Gernika-Lumo zum ersten Mal. Endlich, endlich würde dieser scheinbar unendliche Tag, der langsam mehr von Schmerz als von Entdeckungsfreude geprägt war, zu Ende gehen. Ach, wie ich mich doch täuschte. Der Weg führte in Slalom bis in die kleine Stadt hinunter. Es war äusserst frustrierend. Ich hatte mein Ziel vor Augen, bald 45 Km in den Beinen und der Weg schien sich, nur um mich zu provozieren, für jede mögliche Kurve zu entscheiden, die er machen konnte.


Nach langem Fluchen und mit Beinen aus Brei kam ich dann im Tourismusbüro an. Dort holte ich mir meinen Stempel für die Etappe und bekam dazu die erfreuliche Neuigkeit, dass die öffentliche Herberge geschlossen war. Ich wurde auf ein kleines Hotel eine Straße weiter verwiesen. Dort stand ich dann, komplett ausgebrannt, vor einem Selbst Check In Automat. Nach mehreren Versuchen und mit der Hilfe eines Passanten bekam ich es endlich auf die Reihe, ein Zimmer zu buchen. Die Krönung des Tages: Der unglaubliche Preis von 51 Euros für eine Nacht. Im Moment natürlich völlig nebensächlich. Ich hätte doppelt so viel bezahlt, um mich endlich in ein Bett stürzen zu können.


Zu erledigt um nochmals aus dem Hotel zu gehen, ass ich im Zimmer, was ich als Reserve eingekauft hatte. Keine meiner ausgewogensten Mahlzeiten. Sehr viel Schokolade und Gebäck verschwand aus meinem Proviant.


Es war ein schwieriger Tag gewesen und noch nie hatte ich so viel Schmerz in meinen Beinen gespürt. Doch eine wertvolle Lektion für den Rest meiner Reise konnte ich diesem Tag dennoch abgewinnen. Nie wieder würde ich am Morgen blind loslaufen. Ab diesem Zeitpunkt habe ich jeden Abend den nächsten Tag geplant




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