Immer der Muschel entlang III
- Carlito Thormann
- 15. Jan. 2022
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 31. Jan. 2022
Weiter gehts auf dem Camino del Norte!

06.10.2021
Das Frühstück bekam ich an diesem Morgen in der Herberge. Von Brot bis heisser Milch über Käse war alles mit dabei. Ich wunderte mich kurz über die Gewohnheit der Spanier, Zucker in ihre warme Kakao zu streuen, verstand dann aber beim Trinken, dass es so absolut richtig ist, denn ihr Pulver ist viel bitterer als unseres. Satt verliess ich die Herberge gegen halb Neun.
Schnell war ich im nächsten Ort angekommen, eine kleine Stadt, rund um einen Hafen aufgebaut. Nach Zarautz, so der Name des Ortes, folgte eine lange Strecke an der Küste entlang. Mit einem Hörbuch in den Ohren lief ich lächelnd weiter. Das Hörbuch kann ich leider nur denjenigen empfehlen, die gerne Diskussionen älterer wohlhabenden Männern stundenweise zuhören. Für alle anderen, also Menschen mit gewöhnlichen Interessen, ist in Alle sind so ernst geworden von Martin Suter und Benjamin von Stuckrad-Barre nichts spannendes zu finden.
Nach dem Stück an der Küste ging es dann erstmal steil bergauf, Richtung Deba, eine Stadt der Provinz Gipuzkoa mit knapp 5’500 Einwohnern. Ich lief, ja marschierte fast über diese Landstrassen mitten im Grünen, immer weiter den Hang hoch. Nach mehreren kleinen Pausen, um zu trinken und getrocknete Äpfel zu mir zu nehmen, kam ich in Deba an. Genau genommen war ich an der obersten Stelle der kleinen Stadt angekommen, die am Hang gebaut ist. So durfte ich also sämtliche Höhenmeter die ich in den letzten Stunden bezwungen hatte umgehend wieder runtersteigen. Eine scheinbar unendliche Treppe führte mich wieder zurück zum Meeresspiegel. Ich muss wohl kaum erwähnen, wie sehr mich das gefreut hat…
Doch bevor ich zur geplanten Herberge weiterzog, hielt ich unten in Deba an, um wieder zu Kräften zu kommen. Selbstverständlich kam da nur eine einzige Möglichkeit in Frage: Einen imposanten Döner, der mir unglaublich billig erschien und auch noch mit Pommes serviert wurde. Fröhlich mampfte in mich hinein. Ich konnte förmlich spüren wie die Energie in meine müden Beine zurückkehrte. Natürlich konnte ich nicht wissen, wie sehr ich diese benötigen würde…
Es fehlten nur wenige Kilometer bis zur Albergue Izarbide, doch kein einziger Meter davon war flach. Immer höher stieg ich auf den nächsten Hügel. Nach fast zwei Stunden grüner Wiesen und praller Sonne erreichte ich dann die Pilgerherberge. Anfangs war ich nicht ganz sicher, ob ich richtig gelandet war. Es war zwar ein großes Schild mit dem Namen Albergue Izarbide angebracht, aber weit und breit war niemand zu sehen. Ich wagte mich in das kleine Gebäude und landete vor einer Bar. Bevor ich überhaupt fragen konnte, ob ich hier richtig war, wurde mir ein Bier hingestellt. Erst nach diesem Schritt widmete sich der Inhaber den unwichtigen Sachen, wie beispielsweise der Kontrolle meines Passes. Er führte mich und zwei weitere Pilger durch die Einrichtungen, die aus zwei grossen Massenlagern, Duschen und einen Aufenthaltsraum mit Schließfächern bestand.
Während ich draußen meine Kleider wusch und in die Sonne hängte, kam ein bekanntes Gesicht daher: Jürgen the German. Nach einem kurzen Austausch ging er hinein und bezog ein Bett. Mich zog es währenddessen auf die kleine Wiese, die ebenfalls zur Herberge gehörte. Dort konnte man noch die letzten Sonnenstrahlen geniessen.
Ich legte mich dort auf einen Liegestuhl und hatte mir vorgenommen zu lesen. Schnell merkte ich, dass alle anderen Pilger gemeinsam an Tischen saßen und Bier tranken. Da ging etwas seltenes in mir vor: Ich hatte, wie es Mani Matter sagen würde, Hemmungen. Nach viel innerem hin und her nahm ich dann meinen Mut zusammen, bestellte ein Bier und setzte mich an einen Tisch. Eine der besten Entscheidungen, wie ich heute finde, denn ansonsten wäre ich wahrscheinlich eine ganze Weile lang noch alleine geblieben.
Am Tisch sassen eine junge Frau und ein junger Mann: Amanda und Alessandro. Über ein langes Gespräch, in welchem mir schmerzlich bewusst wurde, wie schlecht mein Spanisch zu diesem Zeitpunkt war, tauschten wir uns darüber aus, wer wir waren und was wir im Leben alles verunstalteten, wenn wir nicht damit beschäftigt waren zu Pilgern. Amanda hatte ihren Job als Krankenpflegerin aufgegeben, nachdem die Pandemie in Madrid ihr und ihren Kolleginnen stark zugesetzt hatte. Sie war dann Valencia gezogen und würde bald ein Studium beginnen. Alessandro war ein Tontechniker aus Rom, der Spanien und die Sprache durch seine Freundin entdeckt hatte, die wie Amanda in Valencia wohnte.
Als die Sonne sich dann endgültig zurückzog, gingen wir hinein und teilten unsere Essensvorräte zum Abendessen. Dort trafen wir auf Jürgen, der zu allem Überfluss tatsächlich noch Kraftübungen machte, was für allgemeines Lachen sorgte. Keiner von uns anderen konnte sich vorstellen, jetzt noch Liegestützen zu machen. Alles in allem war es ein warmer, gemütlicher Abend, der mir die Augen darüber öffnete, wie schnell eine starke Bindung zwischen Pilgern entstehen kann und wie natürlich sich diese vertieft.

Comments