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Die Raubtierfütterung

  • Autorenbild: Carlito Thormann
    Carlito Thormann
  • 9. Sept. 2024
  • 4 Min. Lesezeit

Noch ist es still. Eine spürbare Anspannung macht sich breit, es scheint fast so, als würde die Luft selbst zittern. Die Nüstern haben schon die ersten Düfte erschnappt, sie flattern voller Vorfreude. Die ach so ersehnte Tilgung des Hungers, der unbändigen Lust, sie steht kurz bevor.


Sie spüren es, nein, sie wissen es.


Sie kennen die Abläufe, ihre Gehirne haben jedes kleinste Zeichen, jede noch so kleine Bewegung tausendfach gesehen. Alles ist abgespeichert, bis ins kleinste Detail.  


Ganz genau beobachten sie die Handgriffe, welche die bevorstehende Fütterung vorbereiten. Ihre Augen voller Erwartungen tauschen erregte Blicke aus. Sie wissen, alle stehen in Konkurrenz. Wer seinen Anteil will muss schnell sein. Schneller als die anderen.


Sie werden immer unruhiger, man hört, wie sie am Boden schaben, bereit jeden Moment aufzuspringen, sich zu holen wonach sie alle sich verzehren. Sie bewegen sich mit feinen Bewegungen, man sieht, wie die Anspannung ihre Körper durchdringt, ihre Muskeln zucken lässt. Hier und da meint man einen Speichelfaden zu erblicken, der sich den Weg über die Lefzen bannt. Gleich ist es so weit.


Sie spüren es, nein, sie wissen es.


Die ersehnten Güter, der Gegenstand ihrer Sehnsüchte wird auf die Serviertablette ausgelegt. Ihre Blicke sind starr darauf gerichtet. Ihre Gaumen erahnen schon den bekannten, innig geliebten Geschmack. Ihre funkelnden Augen lassen keine Bewegung entgehen. Die Aufregung schreit ihnen aus dem Gesicht, mit höchster Konzentration analysieren sie das Geschehen. Wo liegen die besten Stücke, wohin soll man sich stürzen?


Es ist so weit. Die Tablette machen ihren Auftritt. Einen Moment noch, nur einen ganz kurzen Moment noch müssen sie ausharren. Sie legen eine unglaubliche Zurückhaltung an den Tag. Alle Muskeln ihrer tierischen Körper sind angespannt, eine reine Gier spiegelt sich in ihrem Speichel, welcher sich in allen Mäulern sammelt. Sie sind bereit. Bald würden sie das Signal, die Erlaubnis zu ihrer Befriedigung bekommen.


Sie spüren es, nein, sie wissen es.


Der Wächter begibt sich hinter die Absperrung, bringt sich vor der tierischen Unbeherrschtheit, die unumgänglich bevorsteht, in Sicherheit. Er hält kurz inne, dann der erlösende Moment. Er erhebt die Hand; Eröffnung der Fresstivitäten.


Ein Augenblick lang bleibt es still. Dann brechen sie los.


Die hungernden Körper stürzen sich, Mäuler voran, auf die Tablette zu. Man sieht, wie sie mit ganzer Kraft ihre Beine in den Boden stossen, um an Geschwindigkeit zu gewinnen. Sie beissen, schubsen, schreissen und ziehen sich an ihren Konkurrenten nach vorn. Nur das Ziel vor Augen, alles andere verliert in ihrer Wahrnehmung die Schärfe, zieht verschwommen an ihnen vorbei. Relevanz hat nur noch die körperliche Befriedigung. Nichts anderes zählt mehr.


Sie spüren es, nein, sie wissen es.


Es fallen die ersten Krallen auf die ersehnten Güter hinab. Unter dem strengen Blick des Wächters, der die Szenerie von der Sicherheit der Absperrung aus beäugt, wird nur so viel an sich gerissen, wie jedem zusteht. Nehmen sie mehr, dann wird eingegriffen. Im schlimmsten Fall entfällt damit sogar die gesamte Fütterung.


Sie spüren es, nein, sie wissen es.


Nun kommen auch die letzten an. Diejenigen, deren Körper sie nicht mehr richtig tragen mag, diejenigen, die von der Menge fast niedergerannt werden, auf dem Weg zum irdischen Glück der Nahrung. Es bleibt nicht mehr viel übrig, das Tablett glänzt mit Leere, nur noch wenige Überbleibsel zeugen von der einstigen Fülle an Auswahl. Die Starken, die Schnellen, aber vor allem die Rücksichtlosen, haben die besten Stücke schon lange an sich gerissen. Mit traurigen Blicken begutachten sie die bleibende Beute. Zögerlich, aber vom Hunger getrieben wie alle anderen, greifen dann auch sie sich ihren Anteil. Sie werden nichts Besseres bekommen, sie müssen sich zufriedengeben.


Sie spüren es, nein, sie wissen es.


Die Tablette sind nun völlig leer. Nachdem er durch den Saal geblickt hat, um sich zu versichern, dass alle mit ihrem Ergatterten beschäftigt sind, tritt der Wächter in den Saal. Kommentarlos und mit schnellen Handgriffen nimmt er das Tablett an sich und zieht sich damit zurück.  


Im Raum ist das Schmatzen des vollen Genusses zu hören. Gesenkte Köpfe, Zähne, die sich durch die zäheren Stücke kämpfen, und Speichelfäden, die sich mit jeder Bewegung in die Länge ziehen, bis sie brechen, in Nichts verschwinden. Bissen nach Bissen, Schluck nach Schluck, verschwinden die erkämpften Viktualien in ihren Mägen. Der Hunger wird leiser, langsam denken sie wieder klarer.


Doch der Hunger wird wiederkommen, wie er es immer tut. Der Kampf um die Beute, um das Überleben, wird sich auch morgen, übermorgen und am Tag darauf nochmals abspielen.


Sie spüren es, nein, sie wissen es.


Auf den Tischen und dem Boden liegen die Brösel, die Stückchen, die sich beim Verzehr von ihren Lippen gelöst haben. Der Wächter denkt mit Ekel daran, dass er dies noch reinigen werden muss. Er sieht einigen von ihnen zu, wie sie sich mit Papierservietten die verschmierten Münder säubern, wie sie sich mit einem satten, erleichterten Seufzen in ihren Stühlen zurücklehnen. Dann kreuzt er einen Blick. Eine ältere Dame, ein Paar Spuren des Verzehrs immer noch auf ihrem Kinn. Sie lächelt ihn an, es graut ihn. In ihren Augen kann er ihre tierische Lust erkennen, die sich bereits wieder aufbaut.


Er spürt es, nein, er weiss es.

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