Die Kaffeepause
- Carlito Thormann
- 28. Nov. 2023
- 2 Min. Lesezeit
Er sitzt ein paar Tische von mir entfernt. Vor ihm steht eine leere Kaffeetasse, in der er mit seinem Löffel rührt. Ab und an hebt er ein wenig Milchschaum aus der Tasse.
Er ist mir nicht sofort aufgefallen. Doch als mein Blick durch den Raum ging, erhaschte ich ein paar wenige Tränen auf seinen Wangen. Er telefoniert, ganz leise, hört mehr zu, als dass er spricht. Seine blaue Arbeitshose ist von Farbflecken übersät. Seine Schuhe scheinen auch schon länger in Gebrauch zu sein.
Ich schaue ihn an, wie er telefoniert und in seiner Tasse rührt. Ich kann nicht anders, als mich zu fragen, woher die Tränen kommen, was da wohl für ein Telefongespräch geführt wird.
Ich stelle mir vor:
Er hockt hier, nachdem er eine Nachtschicht auf einer Baustelle hinter sich gebracht hat. In all seinen Gliedern spürt er die Kälte der vergangenen Nacht, die schwere Müdigkeit. Eigentlich wollte er nach Hause und schlafen. Doch sie hatte ihm geschrieben und gefragt, ob sie sich nicht treffen könnten. Er hatte eingewilligt. Für einen Kaffee habe er Zeit, hatte er geantwortet. Das Gespräch war kurz gewesen. Wieso sie sich von ihm trennen wollte, hatte sie ihm nicht wirklich erklären können. Sie waren eine Weile still dagesessen, dann war sie aufgestanden und gegangen. Er hatte sofort seine Mutter angerufen. Er wusste nicht, was er sonst tun sollte. Nun sass er da, und hörte weinend den wohlwollenden Wörtern seiner Mutter zu.
Nein. Das gefällt mir nicht. Also schreibe ich nochmal um.
Ich stelle mir vor:
Immer noch Nachtschicht, immer noch will sie ihn treffen. Er wartet rührt in der vollen Kaffeetasse. Sie begrüssen sich mit einer innigen Umarmung. Schon seit ihrer Kindheit sind sie befreundet. Er merkt sofort, dass es ihr nicht gut geht. Sie setzen sich. Mit schwacher Stimme erklärt sie ihm, wieso sie ihn sehen wollte. Ihre Mutter ist verstorben. Er nimmt sie lange in seine Arme. Das Telefon ergreift er, nachdem sie gegangen ist. Er gibt seinen Geschwistern Bescheid, welche die Mutter auch gut kannten. Einige Tränen rollen dabei über seine Wangen.
Auch diese Vorstellung gefällt mir nicht. Erneut solch ein Trauerspiel. Also starte ich einen neuen Versuch.
Ich stelle mir vor:
Er hatte keine Nachtschicht. Als Maler hat er nie Nachtschicht. Er kommt oft und gerne hier hin und trinkt gemütlich seinen Kaffee, bevor er in den Tag startet. Heute hat er etwas weniger Zeit, bald muss er beim nächsten Auftraggeber sein. Er trinkt den Kaffee zu schnell, verbrennt sich dabei die Zunge. Vom Schmerz werden seine Augen wässrig.
Langweilig. Ich bin wieder nicht zufrieden. Nochmal von vorne.
Ich stelle mir vor:
Er ist immer noch vor der Arbeit hier. Er trinkt in Ruhe seinen Kaffee. Er hat Zeit, ist nicht in Eile. Er geniesst den Moment. Sein Telefon klingelt, er nimmt ab. Seine Schwester am anderen Ende. Er ist Onkel geworden. Alles ist gut verlaufen, Mutter und Kind sind wohlauf. Freudentränen sammeln sich in seinen Augen. Er rührt danach noch lange in seiner leeren Kaffeetasse, in Gedanken versunken, in der Freude über dieses neue Leben. Fast kommt er zu spät zur Arbeit.
So, damit kann ich mich anfreunden. Ich schaue auf die Uhr. Ich muss gehen. Ich stehe auf, unsere Blicke kreuzen sich. Er lächelt mir freundlich zu.

Plages de vie à l’infini..❤️