Gleiserscheinung
- Carlito Thormann
- 22. Okt. 2023
- 2 Min. Lesezeit
Sein Kopf dröhnte und er sah doppelt.
Um ihn herum war keiner, alle machten einen grossen Bogen um ihn. Sein Gestank und sein unverständliches vor-sich-hinmurmeln waren abschreckend.
Er sass angelehnt an einer Mülltonne, gleich neben dem Bahnhofseingang. Hier hatte er in den letzten Tagen das meiste seiner Zeit verbracht. Ursprünglich hatte er verreisen wollen, doch das wusste er nicht mehr.
Allgemein wusste er nicht mehr viel.
Ob er den Zug verpasst hatte oder noch auf den nächsten wartete, wo er hinwollte, ob er allein oder in Begleitung hatte verreisen wollen, auf keine dieser Fragen hatte er noch eine Antwort.
Jeden Tag aufs Neue vergass er sie.
Jeden Tag stürzte er sich erneut in den Rausch.
Nur so fand er sein Leben noch erträglich. Aber auch das wusste er in diesem Moment nicht mehr.
Wie lange er schon hier sass, an dieser Mülltonne angelehnt, wusste nur der Sicherheitsbeamte, der ihn immer im Auge behielt. Vom Bahnhof verwiesen hatte er ihn heute noch nicht. Es gab keine Regeln für Betrunkene, die nur rumsassen und nicht pöbelten.
Doch bis dahin hatte er noch jeden Tag geschafft, einen Grund zu finden, ihn dennoch vom Bahnhof zu entfernen.
Irgendwann kam nämlich immer der Moment, an dem unser Berauschte aufstand und anfing, die Reisenden zu bequatschen. Selten verstand jemand, was er wollte. Er erntete immer nur Ekel und Verärgerung, ab und an auch Mitleid, wobei das nur selten der Fall war.
Nun stand er tatsächlich auf. Wieso wusste er nicht genau, doch er spürte, selbst in seinem Rausch, dass er jetzt aufstehen wollte.
Beim ersten Schritt schmiss er mehrere Dosen um. Er fühlte, dass er nasse Füsse bekam. Er stiess ein unzufriedenes Geräusch von sich und ging mit wackeligen Schritten in Richtung der Gleise.
Der Sicherheitsbeamte wurde aufmerksamer. Er wollte niemanden auf den Gleisen verantworten müssen.
Ein Zug fuhr ein.
Die aussteigenden Passagiere drängten sich an ihm vorbei, einige beschimpften ihn im Vorbeigehen.
Als alle ausgestiegen waren, stieg der Berauschte in den Zug.
Der Sicherheitsbeamte zögerte. Dann beschloss er, dass der Zug selbst nicht mehr in seine Zuständigkeit fiel.
Der Schaffner würde den armen Kerl am nächsten Bahnhof rauswerfen.
Er sah ihn von diesem Tag an nie wieder. Der Berauschte erreichte sein Ziel nie.
Aber das hatte kein Gewicht, denn er erinnerte sich nicht.
Der Rausch blieb Pflicht.

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