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Agoraphilie

  • Autorenbild: Carlito Thormann
    Carlito Thormann
  • 6. Aug. 2023
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 14. Okt. 2023

In der Menge, da, und nur da, fühlte sie sich wohl. Je mehr Menschen um sie herum, desto besser. In ihr fiel sie nicht auf, niemand fällt in der Menge wirklich auf.

Im Alltag, da fiel sie auf, mit ihrem Buckel, ihren schiefen Vorderzähnen und ihren schütteren grauen Haaren. Immer wurde sie angeschaut, mit verurteilenden Blicken gemustert. Aber nicht in der Menge. Dort liess man sie in Ruhe. Deshalb verbrachte sie so viel Zeit wie es nur ging in ihr.

Es war ihr gleichgültig, um welche Art von Versammlung es sich handelte. Sie war bei Demos unterwegs, quetschte sich während den Stosszeiten zwischen die Reisenden auf den Bahnsteigen und immer am Sonntagabend am Bahnhof einkaufen. Überall wo viele Menschen auf engem Raum waren, war sie zu finden.

Sie musste auch nicht Angst davor haben, erkannt zu werden. Freunde hatte sie keine, ihre Familie wollte nichts mit ihr zu tun haben und nach ihrer Pensionierung war sie in eine Grossstadt gezogen, weit weg vom Dorf, in dem sie davor gelebt hatte.

Jeden Morgen stand früh auf, um mit den Pendlern in den Bus zu steigen. Sie trug immer einen Hut, tief ins Gesicht gezogen, um ihre Haare zu verstecken, für die sie sich schämte, und sich vor Blicken zu schützen. Sie wollte jeglichen Blickkontakt vermeiden. Alles, was sie wollte, war, in der Menge unterzugehen, aufzugehen in der süssen Anonymität, welche die Menge ihr Tag für Tag schenkte.

Sie fuhr meist bis zum Bahnhof, wo sie dann noch ein paar Stunden auf vollbepackten Gleisen ihre Zeit genoss. Sie frühstückte immer auf derselben Bank, gerade nach der Rampe auf dem Gleis 9. Dort verkehrte eine der grössten Verbindung, ständig wuselten Reisende hin und her.

Danach zog es sie in die Stadt. An guten Tagen traf sie dann auf irgendeine Demo oder auf ein Strassenkonzert. Sie erkundigte sich nie vorher, wann und wo etwas los war in der Stadt. Lieber liess sie sich jedes Mal aufs Neue überraschen.

Mittags kehrte sie zum Bahnhof zurück, ass wieder auf ihrer Stammbank, um danach wieder in die Stadt zu gehen. Nach Hause ging sie wieder mit dem Bus, der mit Arbeiter und Arbeiterinnen im Feierabend prall gefüllt war.

In ihrer kleinen Wohnung angekommen setzte sie sich vor den Fernseher. Oft vergass sie, zu essen und fast immer schlief sie auf ihrem Sessel ein.

So glichen sich die Tage, ohne identisch zu sein. Jeder Tag hielt neue Menschenmengen für sie bereit, neue Parolen auf Demos und neue Strassenkünstler an den grossen Kreuzungen.


Doch es kam der Tag, an dem alles ein Ende nehmen sollte.

Der Morgen verlief wie alle anderen vor ihm auch. Nach ihrer Fahrt im Bus sass sie auf der Bank beim Gleis 9. Nach ihrem Frühstück ging sie dann, wie üblich, in die Stadt. Sie zog durch die Gassen, hielt Ausschau nach einer Ansammlung Menschen. Sie hatte ihre Bank und das Wuseln der Reisenden erst seit einer knappen halben Stunde verlassen, doch schon sehnte sie sich wieder nach der grossen Masse, nach dem Eintauchen in die Anonymität.

Es war kaum jemand unterwegs. Immer wieder spürte sie Blicke auf ihr. Es war ihr unangenehm. Sie ging immer schneller durch die Strassen, auf der Suche einer Menschenmenge. Es musste keine grosse sein, sie musste aber unbedingt eintauchen, wieder unsichtbar werden und die Blicke von ihr lösen.

Sie irrte erst eine Viertelstunde, dann eine halbe und fand keine rettende Menge. Ein Gefühl der Beklommenheit fiel über sie. Sie bekam Angst, dass sie keine mehr finden würde, weder an diesem Tag noch jemals wieder.

Nach einer ganzen Stunde beschloss sie, nach Hause zu fahren. Es war nicht mehr auszuhalten. Auch im Bus waren kaum Leute. Sie fühlte sich von den wenigen Fahrgästen beobachtet, hatte das Gefühl, ihre Blicke sähen ihre Haare trotz ihres Hutes.

Zurück in der Wohnung wusste sie nicht, was sie nun tun sollte. Hunger hatte sie keinen, im Fernsehen lief um diese Zeit kein Programm, welches sie auch nur im geringsten interessierte.

Wie ein eingesperrtes Tier lief sie in der kleinen Wohnung im Kreis. Sie dachte an nichts, langweilte sich aber nicht. Ab und zu hielt sie beim Fenster an, beobachtete kurz die ruhige Strasse ihres kleinen Viertels, dann lief sie weiter ihre Kreise, immer um ihren kleinen Sessel herum.

So ging es, bis es dunkel wurde. Dann, und auch erst als sie bemerkt hatte, dass die Strassenbeleuchtung in ihr Fenster schien, setzte sie sich. Routiniert griff sie zur Fernbedienung und schaltete ihren Fernseher ein.

Es lief die Tagesschau. Diese wurde gerade für eine Eilmeldung unterbrochen. Mitten in ihrer Stadt habe sich aus unbekannten Gründen eine grosse Anzahl Menschen versammelt. Diese seien gerade daran, still durch die Strassen zu ziehen. Ihre Beweggründe seien unbekannt.

Sie schnellte auf. Da war sie, die rettende Menschenmenge. Sie hatte sie am Tag im Stich gelassen, aber nun war sie wieder da. Hastig zog sie sich an und machte sich auf den Weg.

Die Busfahrt kam ihr unendlich vor, sie sehnte sich nach dem Untertauchen. In der Stadt war es ein leichtes, die Menge zu finden. Unzählige Menschen liefen gemeinsam durch die Strassen. Keine Parolen wurden gerufen, keine Gesänge ertönten, man hörte kaum jemanden sprechen.

Wie von der Strömung eines Flusses wurde sie mitgezogen. Sie liess sich treiben, ging völlig auf in der Menge. Endlich durfte sie wieder unsichtbar sein, ein unbeachtetes, unscheinbares kleines Zahnrad in der grossen Maschine; die Menge.

Still lief sie mit, fühlte die Ekstase, welche die vielen Menschen um sie herum in ihr auslösten.

Dann stolperte sie. Sie suchte in ihrem Fall mit ihren Händen nach Halt. Sie spürte einen Arm, den Stoff einer Jeans, dann war sie am Boden. Ihr Gesicht schlug auf den Asphalt, sie wurde sofort, dass ihre Nase gebrochen war.

Die Menge schritt weiter. Sie spürte die Tritte auf ihren Beinen, Armen und ihrer Brust.

Doch sie schrie nicht. Der Schmerz war ihr gleichgültig. Sie konnte nur an eines denken. Die Menge beachtete sie nicht. Völlige Anonymität, keine Blicke und keine Wertung.

Mit diesem Gedanken liess sie sich in den Tod gleiten, glücklich und eins mit der Menge.





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1 Comment


Caroline Thormann
Aug 06, 2023

Woaw!!! Triste, tragique,beau, si réel à tant de niveaux..👍👏

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