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Der Gipfel

  • Autorenbild: Carlito Thormann
    Carlito Thormann
  • 2. Dez. 2024
  • 5 Min. Lesezeit

Er stand aufrecht, den Blick ins Weite gerichtet. Vom Gipfel des Berges konnte man üblicherweise das Meer erahnen, doch die dicken Nebelschwaden über dem Tal unter ihm versperrten ihm den Blick. Vereinzelt konnte man die Spitzen der umliegenden Bergketten durch den Nebel stechen sehen.


Der Aufstieg hatte den ganzen Tag in Anspruch genommen. Er hatte sich nur wenige Pausen erlaubt, gegessen und getrunken hatte er während dem Wandern. Sein Hemd klebte vom Schweiss, seine Füsse waren wundgelaufen und seine Knie fühlten sich an, als hätte sie jemand mit einem Hammer zertrümmert. Doch er nahm von all dem nichts wahr, nichts davon hatte in diesem Augenblick auch nur die geringste Bedeutung. Er hatte es geschafft. Das Ziel war erreicht. Nichts hatte er sich sehnlicher gewünscht, als auf diesem Gipfel zu stehen. Er seufzte zufrieden. In der Ferne konnte er sehen, wie die Abendsonne langsam hinter einer hohen Gebirgskette versank, als würde sie im dicken Nebel ertrinken.


Er wusste, dass er die Nacht auf dem Gipfel verbringen würde und hatte sich auch darauf vorbereitet. Für den Auf- und Abstieg hatte ein Tag zu wenig Stunden und den Weg in Richtung Tal bei Nacht einzuschlagen wäre lebensmüde. Sein kleines Zelt hatte er schon aufgeschlagen, in seinem Rucksack wartete das Abendbrot. Er wollte essen, bevor sich auch die letzten Sonnenstrahlen sich verabschiedet hatten. Er liess einen letzten Blick dorthin schweifen, wo er das Meer vermutete, vom Nebel versteckt, dann setzte er sich auf den einen Felsen neben sein Zelt.


Genüsslich packte er Brot, Käse und Wurst aus seinem Rucksack und fummelte die Klinge seines Taschenmessers aus ihrem hölzernen Gehäuse. Er schnitt und ass, Stück um Stück, stillschweigend auf seinem Felsen sitzend. Langsam verging das euphorische Gefühl, welches ihn beim Erreichen des Gipfels überfallen hatte. Nach und nach meldete sich sein strapazierter Körper. Nun spürte er, was die Anstrengung mit seinen Knien, seinen Füssen und seinem Rücken gemacht hatte. Das Sitzen wurde unangenehm, der Felsen unter ihm kalt und hart. Er packte das Abendbrot weg und verstaute den Rucksack in das Zelt.


Die Sonne war mittlerweile völlig verschwunden und es war fast schlagartig kalt geworden. Der Schweiss an seinem Rücken brachte ihn zum Frösteln. Er beschloss, sich in seinem Schlafsack aufzuwärmen. Mit zitternden Händen zog er seine Schuhe aus und zog sich das immer noch nasse Hemd über den Kopf. Er legte sich in seinen Schlafsack, seinen Kopf in Richtung Ausgang. Im Schlafsack hörten seine Hände langsam auf zu zittern, etwas Wärme kehrte in seinen Körper ein. Er spürte, dass der Schlaf ihn bald einholen würde. Mit müdem Blick blickte er in die Dämmerung hinaus. Ein unangenehmes, dumpfes Gefühl schlich sich in seinen erschöpften Geist, welches er nicht richtig greifen, nicht richtig in Worte, in einem Gedanken fassen konnte. Bevor er gross darüber nachdenken konnte, schlief er ein.


Er erwachte vom kalten Wind, welcher den Regen auf sein Gesicht peitschen liess. Der Stoff des offengelassenen Zelteingangs flatterte. Das Kopfende seines Schlafsacks war triefnass. Hastig strich er sich die Tropfen aus dem Gesicht und richtete sich auf, um das Zelt zu schliessen. Der Reissverschluss blieb kurz stecken, dann war das Zelt verschlossen. Der Regen trommelte auf das Zeltdach. Er lauschte dem Dröhnen. Eine verschwommene Erinnerung an sein Gefühl vor dem Einschlafen kam in ihm hoch. Ihm wurde unbehaglich. Er rutschte in seinem Schlafsack hin und her, immer noch aufrecht sitzend. Langsam wurde ihm klar, was dieses Gefühl war, welches sich nun erneut in ihm breit machte. Er fühlte sich Leer. Eine dumpfe, allumfassende Leere.


Der Schlafsack und das Zelt kamen ihm unbequem, beengend, geradezu beklemmend vor. Er musste raus. Er quälte sich aus dem Schlafsack. Kurz hielt er inne, dann streifte er sich sein Hemd über. Der Stoff war kalt vom trockenen Schweiss. Er griff sich seine Schuhe, welche er im Dunkeln erst ertasten musste. Der Reisverschluss des Zeltes klemmte erneut, dann war das Zelt geöffnet. Er kroch in die Kälte hinaus.


Der Regen war abgeschwächt, nur noch vereinzelt spürte er Tropfen. In der Dunkelheit konnte er kaum etwas ausmachen. Er stand einem dunklen Nichts gegenüber. Das Gefühl der Leere breitete sich in ihm aus, erst im Magen, dann schlich es sich in seinen Brustkorb, wo es sich schwer auf seine Lungen legte, bis es ihm schliesslich den Hals langsam zuschnürte. Er war wie gelähmt, atmen konnte er nur noch schwer.


Die Gedanken überschlugen sich in seinem Geist, dieses überwältigende Gefühl der Leere nahm alles ein. Plötzlich wurde ihm klar, woher dieses Gefühl kam. Ein klarer Gedanke erstarrte in seinem Inneren. Was nun? Was tun, nun da er den Gipfel erklommen hatte, die grösste Herausforderung hinter sich gebracht hatte? Was blieb denn noch zu tun? Unten im Tal, da wartete niemand auf ihn, dort war es den Leuten egal, ob er nun oben auf dem Gipfel gewesen war oder nicht. Ob sie es ihm glauben würden? Schliesslich konnte es niemand bezeugen. Er stand allein hier oben, in der Kälte der Nacht.


Er liess seinen Blick dorthin schweifen, wo er den Abgrund vermutete. Mit grosser Mühe machte er ein paar Schritte nach vorn. Unter seinem rechten Schuh spürte er den Abgrund und hielt inne. Er schluckte schwer. Trotz der Kälte spürte er, wie sich Schweissperlen auf seiner Stirn bildeten. Die Leere in ihm schien sich nach der Leere vor ihm zu sehnen. Er hörte sie in seinem Inneren. Sie schrie danach, sich runter ins Tal, in den Abgrund zu stürzen. Wie einfach es wäre. Nur ein kleiner Schritt. Schnitt, alles vorbei. Wie sonst sich von dieser erstickenden Leere befreien? Der Gedanke, am nächsten Tag wieder hinunter ins Tal zu wandern, in sein Leben zurückzutreten, schein ihm unerträglich. Wie viel einfacher wäre es doch, hier einen Schlussstrich zu ziehen. Einen Abschluss auf dem Gipfel. Schnell und sauber.


Ein Schweisstropfen rollte von seiner Stirn auf seine Wange. Mit seinem Handrücken wischte er ihn weg. Diese winzige Geste, die Kälte seiner Hand auf seiner Wange riss ihn aus seinem Gedankenstrudel. Es war, als hätte er den Kopf lange unter dem Wasser gehabt und hätte nun endlich die Wasseroberfläche durchbrochen. Er schnappte nach Luft. Sein ganzer Körper zitterte. Er spürte, wie die Leere in ihm langsam der Kälte wich, die er nun in all seinen Gliedern spürte. Immer noch stand er am Abgrund, während ihm langsam bewusstwurde, was er noch vor wenigen Augenblicken vorgehabt hatte. Er konnte sich sein nun verschwindendes Leergefühl nicht erklären, es war nicht mehr greifbar. Er kam sich lächerlich vor. Ein lautes Lachen brach aus ihm heraus. Es hallte in die Dunkelheit hinaus. Selbstverständlich kam es nicht Frage, hier und jetzt sein Leben zu beenden. Zu vieles hatte er noch vor sich. Dieser Gipfel würde nicht der Höhepunkt seines Daseins werden. Ausserdem würde es erst vollbracht sein, wenn er auch den Abstieg hinter sich gebracht hätte.


Er atmete tief durch. Sein Lachen hatte die Kälte nur kurz verscheucht. Er entschloss sich, zurück in sein Zelt zu gehen. Er drehte sich weg vom Abgrund und machte einen ersten kurzen und unbeholfenen Schritt in die Richtung, in welcher er das Zelt vermutete. Als er zum nächsten Schritt ansetzte, spürte er, wie sein Schuh auf einem Stein wegrutschte. Er verlor das Gleichgewicht. Er fiel, mit den Armen nach Halt suchend nach hinten.


In die dunkle und tiefe Leere.

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